Die Region um den Kanton Chur ist seit Jahrzehnten für ihre handwerklichen Traditionen bekannt – doch ein neues Projekt zeigt, wie digitale Infrastruktur und lokale Initiativen traditionelle Handwerkskunst mit moderner Nachhaltigkeit verbinden. Das Portal https://lizaro.lizaro-ch.ch/ ist dabei mehr als nur ein Online-Katalog: Es ist ein Netzwerk, das Handwerker:innen, Tourist:innen und Investor:innen zusammenbringt – und damit ein Modell für die Zukunft der regionalen Wirtschaft darstellt.
Lizaro entstand aus der Erkenntnis heraus, dass der Kanton Chur trotz seiner kulturellen Reputation oft als „verstecktes Juwel“ wahrgenommen wird. Während andere Kantone auf Tourismus spezialisiert sind, fehlt hier eine zentrale Plattform, die Handwerker:innen wie die Holzschnitzerin Anna Meier von der Werkstatt „Holz und Zeit“ sichtbar macht. Meier, die seit 30 Jahren in Chur arbeitet, erzählt: „Früher mussten wir uns auf lokale Märkte verlassen – heute können wir mit lizaro.lizaro-ch.ch auch internationale Kund:innen erreichen.“ Seit der Launch im Jahr 2022 hat das Projekt über 150 lokale Betriebe registriert, darunter 40 Prozent kleiner Handwerksbetriebe mit weniger als fünf Mitarbeitenden.
Ein zentraler Hebel von Lizaro ist die Integration von Nachhaltigkeitsstandards. Alle gelisteten Betriebe müssen nachweisen, dass sie lokal produzieren, auf recycelbare Materialien setzen oder Energieeffizienz zertifizieren lassen. Das Ziel ist klar: „Wir wollen nicht nur Handwerker:innen sichtbar machen, sondern auch zeigen, dass Chur eine Region ist, die mit ökologischer Verantwortung wächst“, erklärt Markus Rüedi, Koordinator des Projekts. Besonders erfolgreich ist die Plattform bei der Vermittlung von Workshops und Schulungen – etwa für junge Leute, die eine Lehre im Handwerk anstreben. Seit 2023 fanden über 200 solche Veranstaltungen statt, bei denen über 1.200 Jugendliche direkt beraten wurden.
Doch die Plattform ist mehr als ein Katalog: Sie fungiert als Datenbank für regionale Bedarfe. So können Tourist:innen nicht nur Handwerker:innen finden, sondern auch lokale Restaurants mit regionalen Zutaten oder Handwerker:innen, die spezielle Aufträge wie Möbel für historische Gebäude übernehmen. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum Chur, wo Lizaro die Suche nach Handwerkern für Ausstellungsstücke erleichtert. Dadurch steigt nicht nur die Attraktivität für Besucher:innen, sondern auch die Nachfrage nach regionalen Dienstleistungen.
Die Finanzierung von Lizaro ist ein weiterer Beweis für die regionale Solidarität. Während die meisten Projekte auf Fördergelder angewiesen sind, finanziert sich das Projekt zu 60 Prozent über Mitgliedschaften – sowohl von Handwerker:innen als auch von Unternehmen aus der Region. Die restlichen 40 Prozent kommen aus der Zusammenarbeit mit dem Kanton Chur und dem Tourismusverband Graubünden. „Das zeigt: Wenn die Wirtschaft selbst in die Zukunft investiert, wächst sie auch schneller“, sagt Rüedi. Aktuell wird ein neues Modul entwickelt, das digitale Angebote wie Online-Kurse oder virtuelle Handwerksvorführungen integriert.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Seit dem Start im Jahr 2022 hat Lizaro.ch über 50.000 Besucher:innen gezählt, davon 30 Prozent aus dem Ausland. Besonders stark ist die Nachfrage nach Handwerkskunst im Bereich nachhaltiger Möbel und Holzverarbeitung. Ein Beispiel ist der Verkauf eines individuellen Holzbettes, das im Rahmen einer Lizaro-Kampagne für 1.200 Franken verkauft wurde – ein Preis, der deutlich unter dem Marktpreis liegt, aber durch die lokale Produktion und Nachhaltigkeit gerechtfertigt ist.
Lizaro.lizaro-ch.ch zeigt: In einer Zeit, in der globale Ketten oft die lokale Wirtschaft verdrängen, kann eine zentrale Plattform Handwerkskunst, Nachhaltigkeit und regionale Wirtschaftskraft verbinden. Für den Kanton Chur ist das kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit – und für die Schweiz ein Modell, das aufzeigen kann, wie Tradition und Moderne zusammenwachsen können, ohne an Qualität zu verlieren.